Lesefrüchte

April 2026

 

Hier sammeln wir Artikel, die auch über den Tag hinaus interessant sind und zitieren Auszüge. Um die Übersichtlichkeit zu erhalten, verschieben wir ältere Empfehlungen ins „Archiv“.

 


Lesefrüchte im vergangenen Monat  
Analitik: Willkommen in der multipolaren Welt
Martin Sonneborn:
Während Sie gebannt auf das Kaninchen starren, ... 

Tobias Riegel:
Skripal, Giftgas, Hacking, Doping – Strategien der Spannung ...
 


 

Unipolar – multipolar: 

Die beiden Begriffe bestimmen die geopolitische Diskussion heute besonders stark. 
Das amerikanische Imperium zerbröselt für alle sichtbar am iranischen Widerstand gegen den „brutalen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ von USA-Israel. 
Dass der Zerfallsprozess schon früher, aber weniger sichtbar begann, ist sicher. Analitik datiert den Beginn genau auf den 3.Oktober 2016. In einem sehr schönen, sehr langen Artikel beschreibt er anschaulich und poetisch den geschichtlichen Augenblick im Kriegsgeschehen in Syrien 2016. Es beginnt mit einer Ohrfeige — aber lesen Sie selbst den (langen) Anfang des Artikels, der am 13. Oktober 2016 auf Analitiks Blog erschienen ist. 

Analitik: Willkommen in der multipolaren Welt

Haben Sie es mitbekommen? Die Welt ist jetzt eine andere. Sie haben ein Stück bedeutender Zeitgeschichte erlebt. Dabei haben Sie als einfacher Bürger mit einiger Wahrscheinlichkeit nichts davon mitbekommen. Sie gehen wie gewohnt zur Arbeit, fahren wie gewohnt einkaufen, schauen wie gewohnt die Abendnachrichten. Alles ist beim Alten. Dabei leben Sie bereits in einer anderen Welt. Gleich erleben Sie die Geburtsstunde der multipolaren Welt. Eine Geburt ist lang und anstrengend, also decken Sie sich mit Geduld ein.

Dieser Artikel knüpft nahtlos an “Syrien: Die Masken sind gefallen” an. Kürzestzusammenfassung: Die USA haben sich als Unterstützer und Väter des Terrorismus derart offenbart, dass Russland dazu übergegangen ist, die USA offen der Terroristenunterstützung zu beschuldigen.

Wir sind an dem Moment angelangt, wo der Ruf „Der König ist nackt!“ erschallt. Alle haben es vorher schon gesehen, aber niemand wagte es auszusprechen und weil es niemand auszusprechen wagte, mussten alle so tun, als ob alles anders wäre.

Das muss man etwas präzisieren. Im Märchen reicht es aus, dass ein Junge die Wahrheit ausruft, damit die heile Welt wieder einkehrt. In der Realität gibt es längst viele Jungs, die die Wahrheit ausgerufen haben. Journalisten, ehemalige Agenten, Blogger. Aber der König qualifiziert sie als Verschwörungstheoretiker ab und die Herzöge und Grafen und Gesandten preisen weiter die tollen Kleider des Königs. Diejenigen, die die Kleider nicht preisen, sagen, dass das Kleid ein wenig schief sitzt, aber niemand spricht offen aus, dass der König nackt ist. Das politische Theater geht weiter. Wozu diese virtuelle Realität? Weil der König ein Schwert hat. Jeder Herzog und Graf, der die Nacktheit des Königs offen zum Ausdruck bringt, riskiert es, den Kopf zu verlieren. Politik ist ein Machtspiel. Niemand aus der oberen Riege ist bereit, sich enthaupten zu lassen, nur um die Wahrheit auszusprechen. Wer eine solche Bereitschaft hat, wird schon auf den ersten Stufen der politischen Karriereleiter geköpft. Wer es nach oben geschafft hat, hat dabei zwangsläufig gelernt, das Theater mitzuspielen. Das Ziel besteht darin, irgendwann selbst das Stück zu schreiben, das gespielt wird.

Was kleine Jungs im Volk sprechen, ist im Versammlungssaal des Königs irrelevant. Hier zählt nur, was die Herzöge und Grafen sagen – sie bestimmen hier mit dem König die politische Realität.

An diesem Punkt steigen wir mit der Analyse ein und schauen uns an, was im Versammlungssaal des Königs – in der Weltpolitik – passiert ist.

18. September, Sprecherin des russischen Außenministeriums Zacharowa:
Nach den heutigen Schlägen gegen die syrische Armee kommen wir zu einem, für die gesamte Welt erschreckenden, Schluss: Das Weiße Haus verteidigt den IS.

Das ist eine politische Atombombe. Warum wurde sie eingesetzt? Zur Erinnerung, am 9. September wurde zwischen USA und Russland ein Deal ausgehandelt, um Al Nusra zu eliminieren. Das Pentagon hat offen dagegen rebelliert. Die Zusammenarbeit hätte am 12. September beginnen müssen, die gemeinsamen Luftschläge gegen Nusra am 20. September. Am 18. September kam der erste Sabotageakt der USA, als eine Stellung der syrischen Armee massiv von den USA gebombt wurde und der IS dabei in eine Großoffensive an diesem Frontabschnitt übergingt. Bei diesem Angriff kamen möglicherweise auch russische Soldaten ums Leben. Das würde die Meldungen erklären, dass Russland am 20. September ein Stabquartier westlicher Agenten in Syrien mit einer Lenkrakete auslöschte und dabei 30 Agenten der USA, Israels, Großbritaniens und anderer IS-Helfer getötet wurden. Dass man diese Meldungen weit von der russischen und westlichen Presse platziert, so dass sie nur in Form von Gerüchten bei uns ankommt, ist normal. Keine Seite gibt ihre Verluste freiwillig in der Öffentlichkeit zu. Wenn wir von Verlusten der USA oder Israels oder Russlands erfahren, dann nur, weil die Geheimdienste der Gegenseite einen entsprechenden Leak organisiert haben und die Beweise so lange in die Öffentlichkeit reindrücken, bis sich die Weiterverbreitung verselbstständigt hat. Nicht mal der Abschuss der russischen SU 24 durch die Türkei wäre öffentlich geworden, wenn der Westen es nicht aktiv öffentlich gemacht hätte. Aber das nur als Randnotiz, um zu verstehen, warum uns hier ein Puzzlestück dessen fehlt, was in Syrien passiert. Russland und die USA fügen sich mit großer Wahrscheinlichkeit schon direkt Verluste im Syrienkrieg zu, aber beide Seiten halten das geheim. Im Versammlungssaal des Königs, in der virtuellen politischen Realität, dürfen die direkten Kriegszusammenstöße von Russland und USA auf keinen Fall zum Thema werden, weil das nach den Spielregeln der Politik eine nicht kontrollierbare Eskalationsspirale auslöst. Also unterdrückt man auf beiden Seiten die Information über diese Zusammenstöße. Für die virtuelle politische Realität im Versammlungssaal sind diese Zusammenstöße gleichwohl von äußerst entscheidender Bedeutung, weil sie Anzeichen von Stärke, Schwäche, Entschlossenheit, Risikobereitschaft usw. beinhalten.

Wir halten fest, dass Russland am 18. September die Eskalationsleiter hochklettert, indem es den USA offiziell Terrorunterstützung vorwirft. “Der König ist nackt!” wird jetzt nicht von irgendeinem Jungen gerufen, den man als geistig behindert abstempeln kann. Der Ruf kommt von einem Herzog und die Anwesenden im Saal können das nicht mehr ignorieren.

Die ersten Herzöge reihen sich vorsichtig hinter Russland ein. Ausgerechnet Deutschland veröffentlicht am 26. September ein Interview, in dem ein Al Nusra Kommandeur offen über die Unterstützung der USA schwadroniert. Im Artikel wird dann auch die Frage gestellt: “Unterstützen die USA Al Qaida?” Hoho! Das ist natürlich keine offizielle Stellungnahme der deutschen Regierung, sondern nur die “freie” Presse. Und man hat diesen Knaller in einem unbedeutenden Pressemedium versenkt, damit er nicht zu viel Staub aufwirbelt. Aber das ist schon eine Ansage. Deutschland testet damit die USA. Je aggressiver die Reaktion des Herren, desto vorsichtiger muss Deutschland seine Fesseln lösen. Je lahmer die Reaktion, desto entschlossener kann Deutschland sich befreien. Das herauszufinden, ist der große Zweck des Artikels.

Am 20. September kommt ein UN-Hilfskonvoi unter sonderbaren Umständen zu Schaden. Die USA entfachten unter diesem Vorwand eine riesige Medienkampagne gegen Russland und heizten die Stimmung an, um den Deal vom 9. September anzugreifen.

Ende September schlagen die USA zu. Am 27. September warnt US-Verteidigungsminister Carter vor der drohenden Gefahr eines Atomkrieges und verkündet, dass die nukleare Erstschlagdoktrin der USA in Kraft bleibt. Eine Drohung mit dem Atomkrieg. Und Kirby, der Sprecher des US-Außenministeriums, kündigt am 28. September an, dass die Terroristen in Syrien Russland angreifen werden, russische Flugzeuge, russische Soldaten, russische Städte. Nachdem also Russland die USA offiziell der Terrorunterstützung beschuldigt hat, drohen die USA mit Atomkrieg und erteilen ihren Terroristen in der Öffentlichkeit den Befehl, Russland anzugreifen. Damit klettern die USA auf eine neue Stufe der Eskalationsleiter.

Das ist ein Spiel. Beide Seiten erhöhen die Einsätze, bis einer nicht mehr weiter erhöhen kann oder sich nicht mehr traut, weiter zu erhöhen. Das ist die Eskalationsspirale. Wer aussteigt, hat verloren, gibt sich geschlagen. Je höher man die Eskalationsleiter hochklettert, desto anstrengender wird es für beide Konfliktparteien. Bevor man hochklettert, überlegt man sich daher, ob man selbst die neue Anstrengung aushalten kann, wie der Gegner wohl mit der neuen Stufe umgehen kann, ob und wie der Gegner noch eine Stufe höher klettern kann und wie gut man selbst und der Gegner die neue Stufe verkraften können. Man muss mehrere Schritte voraus denken. Wenn man denkt, dass es der Gegner es auf der nächsten oder übernächsten Stufe besser haben wird, als man selbst, sollte man nicht eskalieren. Aber man kann in diesem Spiel auch bluffen…

Was in diesem Spiel passiert, muss man sich bildlich veranschaulichen, damit man spürt und begreift, was eigentlich vor sich geht. Herzog Russland sagt also im Versammlungssaal, dass König USA die Terroristen unterstützt. Ein Raunen geht durch die Menge. In der Tasche von Herzögin Deutschland quackt ein Frosch, dass er Beweise dafür hat, dass die USA tatsächlich Terroristen unterstützen. (Das ist das Raunen in Deutschland, in jedem Land wird natürlich etwas eigenes geraunt.) König USA zeigt derweil auf einen brennenden Laster und schreit: “Du hast das angezündet!” Herzog Russland sagt: “Nö. Wir haben hier Videoaufnahmen von deinen Terroristen am Laster und von deinen Kampfdrohnen über dem Laster.” Der König schreit: “Du bist schuld an allem! Die Terroristen werden dich fressen! Und ein Atomkrieg kann dich auch ereilen!” Und ein paar Tage später, am 3. Oktober, sagt der König: “Unser Deal zur Bekämpfung dieser Terroristen ist übrigens nichtig”. Und als Antwort gibt es eine schallende Ohrfeige von Herzog Russland. So schallend, dass alle im Saal erstarren.

Auf die Eskalation der USA, die am 3. Oktober ihren Schlusspunkt findet, kommt blitzschnell die Antwort von Russland. In Form einer neuen Eskalationsstufe. Schauen wir uns das, und die Reaktion der USA, im Detail an.

3. Oktober. Russland zieht sich aus dem Plutonium-Vertrag zurück. Es geht um die Vernichtung von jeweils 34 Tonnen hoch angereichertem, waffenfähigem Plutonium. Aber das ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Russland dazu sagt: Wir können den Vertrag gerne wieder reaktivieren, nachdem die USA drei Bedingungen erfüllen:

1. Die NATO aus Osteuropa abziehen. 
2. Alle Sanktionen gegen Russland aufheben und Reparationszahlungen für alle Sanktionen und alle Gegensanktionen zahlen. 
3. Aufzeigen, wie die USA selbst den Vertrag erfüllen können. 

In dieser Reihenfolge.

Veranschaulichen wir uns das bildlich. Herzog Russland sagt zum König: “Dieses waffenfähige Zeug, das wir beide abbauen wollten, weil wir angeblich Freunde geworden sind, dieses Zeug lassen wir mal schön liegen, wo es gerade ist. Und wenn du willst, dass wir uns das wieder anschauen, musst du dich vor uns auf die Knie stellen, deine Sünden gestehen, deine Armeen aus unserer Nachbarschaft abziehen und uns einen Lastwagen voll Gold herüberkarren. Und wenn du dann noch zeigst, dass du in der Lage bist, deinen Teil des Plutoniums zu zerstören, können wir wieder darüber reden, dass wir gemeinsm Plutonium zerstören”.
Genau das sagt Russland den USA am 3. Oktober, eingepackt in bürokratisch-diplomatischen Jargon. Das sagt Herzog Russland zum König USA, während alle anderen Herzöge und Grafen und Barone aus aller Welt drum herum stehen und ohnehin schon gebannt schauen, was zwischen Russland und USA passiert. Das ist kein Trolling mehr, das ist eine Ohrfeige.

Um die Bedeutung dieses Tages symbolisch zu unterstreichen, entlässt Wladimir Putin noch an diesem 3. Oktober eine Herde Prschewalski-Pferde in die Freiheit. Was soll die Sache mit den Pferden? Die CIA-Berichterstatter kommen sich wie immer geil vor mit ihren süffisanten Kommentaren.

Das Prschewalski-Pferd, ein asiatisches Wildpferd, war in freier Wildbahn bereits ausgestorben. Mit den Exemplaren, die in den Zoos überlebt haben, hat man ein Auswilderungsprogramm gestartet, um diese Tiere, die der Mensch der Natur nahm, der Natur wieder zurück zu geben. Putin hat an diesem Prozess teilgenommen, indem er die Tore geöffnet hat und die Pferde aus dem Gehege in Richtung Freiheit lockte. Warum hat sich Putin beeilt, noch am 3. Oktober, bei Sonnenuntergang, diesen Termin wahrzunehmen? Man muss die Symbole lesen: Freiheitsliebendes, ungezähmtes Wesen, fast verschwunden von der Erde, ist dank großer Bemühungen wieder da. Und es wird in die Freiheit entlassen. Raus aus der Gefangenschaft und in die Freiheit. Das ist nur vordergründig eine Geschichte von Pferden, in Wirklichkeit erzählt uns Putin eine Geschichte von Russland.

Wir schreiben noch immer den 3. Oktober. Der Hofberichterstatter New York Times berichtet über das russische Ultimatum. Die Form der Berichterstattung ist bemerkenswert. Aussetzung des Plutonium-Vertrags wird schon in der Schlagzeile angekündigt. Im langen Text folgt die übrige Grütze über böse Russen und ganz am Ende, ganz kurz, wird das Ultimatum erwähnt. Bildlich: Der Berichterstatter des Königs macht nach dem russischen Ultimatum bekannt, dass Russland sich aus dem Plutonium-Vertrag zurückzieht. Der Berichterstatter erwähnt lang und breit, dass Russland böse ist und fügt am Ende, mit Seitenblick auf den König, hüstelnd und flüsternd hinzu, dass eine Reaktivierung des Vertrages wohl nicht zu erwarten sei, weil Russland noch diese drei dreisten Bedingungen gestellt hat.

Das ist wichtig. Wenn sein Berichterstatter es ihm auf englisch vorgelesen hat, kann der König später nicht behaupten, er hätte das Ultimatum nicht mitbekommen oder hätte es eh nicht verstehen können, weil es auf russisch vorgetragen wurde. Nein nein, die Bedingungen wurden für alle sichtbar dem König verlesen. Und einen Tag später legt Bloomberg nach und befasst sich eingehend mit den drei Forderungen, die nun schon in der Überschrift offen als Ultimatum betitelt werden. Damit kann ein fadenscheiniger Rückzieher nun wirklich ausgeschlossen werden. Die Botschaft ist angekommen, in ihrer ganzen Tragweite, alle Anwesenden im Saal haben das bezeugt. Der König kann nicht mehr sagen: “Ohrfeige? Welche Ohrfeige? Huch, habe ich etwas verpasst?” Das ist wichtig. Das zwingt den König zu einer sofortigen Reaktion. Alles, was er jetzt tut, ist eine Reaktion, auch wenn er nichts tut.

Hier weiterlesen oder die PDF-Sicherung des Artikels zum Ausdrucken herunterladen

 

 


 

Textfragment auf X, gefunden in den NDS 

Martin Sonneborn: Während Sie gebannt auf das Kaninchen starren, ... 

... den Iran und seinen Seeweg, sollten Sie besser auf die Schlange sehen. IHR VÖLKER DER WELT, SCHAUT AUF DIESEN STAAT! Und ganz genau auf den Libanon achten, dieses wunderbare & vielfach geschundene Land, das durch seinen Status als souveränes Völkerrechtssubjekt vor jeder weiteren Verletzung doch geschützt sein müsste, geschützt sein sollte und geschützt wäre, wenn wir es nur schützten. Ein in der levantischen Kultur-, Lebens- und Glaubenstextur wurzelnder Staat mit dem (niemals zu überschätzenden) Erbe der Phönizier, die uns das Alphabet brachten und die Handelskunst. Ehemaliges Kreuzritterziel und französisches Mandatsgebiet, Refugium der Christen Westasiens und Schweiz des Nahen Ostens.

Wir waren im vergangenen November dort, als der brüchige Waffenstillstand durch über 10.000 israelische Verletzungen längst angesägt und die UNIFIL-Mission längst mehrfach tödlich angegriffen worden war - und über der Hauptstadt des souveränen Staates Libanon, über den sinnlos in die schweigende Landschaft geklatschten Botschaften Deutschlands und anderer Völkerrechtsversager schon knatternd die Drohnen & Robocop-Geschwader des Nachbarstaates kreisten.

Wir waren dort, als noch keine israelischen Bomben gegen libanesische Zivilisten in dicht besiedelte Städte flogen, als der weiße Phosphor noch nicht herabgeregnet war auf das Land und auch nicht die Tonnen Glyphosats – GIFT IST EIN MEISTER AUS DEUTSCHLAND – das die Heimat Hunderttausender auf Dauer unbewohnbar macht.

Wir waren dort, bevor südlibanesische Siedlungen und ganze Dorflandschaften, Häuser, Kirchen, Geschäfte, Schulen, Krankenhäuser, Hotels, Friedhöfe, Brücken, Straßen in die Luft gesprengt, von ortsfremden Siedlern plattgebaggert & geraubt und von analphabetisierten US-Neukartographen (Apple & Google) ausgelöscht waren. Gestrichen aus dem Gedächtnis derer, deren Gedächtnis bis zum letzten Kaffee reicht. In 40 Tagen hat Israel in seinem Nachbarland 37.836 Häuser zerstört.

Wir waren dort, als einer von fünf Libanesen noch nicht auf der Flucht war (und noch in seinem Haus statt auf der Straße wohnte). Als 1,2 Millionen Libanesen noch nicht durch den Rest des 10.000 qkm großen Landes irrten (halb so groß wie Hessen), von dem Israel es sich - wieder! - anmaßt, neben dem seit 1948 begierig beäugten Lebensfluss Litani nun mehr als 15, mehr als 20 Prozent, vielleicht ein Drittel rechtswidrig zu besetzen.

Wir waren dort, als die 1.923 getöteten Libanesen noch lebten und die 166 getöteten libanesischen Kinder. Als die getöteten Sanitäter noch lebten, die getöteten Ärzte und Apotheker, die getöteten Journalistinnen und getöteten Kameraleute. Der maronitische Priester, die Deutschlehrerin am Goethe-Institut, die Arabischprofessorin, der Architekt - und Khatoun Salma, die eine Dichterin war, eine Dame und die schönere Cathérine Deneuve. Zusammen mit ihrem Mann wurde sie im Schlaf von einer israelischen Rakete in den Tod gerissen - aus ihm und ihr und ihrer Wohnung, so die Verlegerin Rasha El Amir, sei ein Haufen Staub geworden.

Man wünschte, man würde aufhören können zu zählen. Und wieder. Und wieder einmal sehen die Damen und Herren der ehrenwerten Welt dabei zu, wie der Libanon rechtlos ruchlos überfallen wird - von einem Staat, mit dem ihn nichts verbindet als das geographische Unglück unmittelbarer Nachbarschaft.

Lassen Sie es sich gesagt sein. Während Sie gebannt auf den Iran und seinen Seeweg starren, sollten Sie besser auf den Libanon achten.
Er braucht es.

II.
Und während ein mit voller Absicht irre gewordener US-Immobilien- & Investment-Jesus Sie tagein, tagaus mit seinem kunstlosen Irrsinn volldröhnt - HERR, UNSEREN TÄGLICHEN KRANKEN SCHEISS GIB UNS HEUTE - sollten Sie besser auf den Papst hören. Wer hätte gedacht, dass wir das einmal (oder jemals) sagen würden. Tatsächlich hat der erste US-Papst der Welt nicht nur mehr Verstand, mehr Witz, mehr Würde und schickere Kleider als alle, die ihn zu kritisieren wagen, sondern - um im Kosmos seiner Kritiker zu bleiben - auch noch verdammt dicke Eier. Ein Papst aus Chicago, der irrwitzigerweise europäischere (und echtere) Werte vertritt als vonderLeyen & ihre Bande behämmerter Berufs-Trullahs.

III.
Und während Sie über Ungarn mal dies hören und mal das, sollten Sie besser schleunigst nach Brüssel sehen, wo vonderLeyen das Projekt der Zweckentfremdung der EU, der Vergewaltigung der europäischen Verträge und der finalen Entmachtung der Nationalstaaten vorantreibt, als gäb’s kein Morgen. Ein Projekt, das nie etwas anderes als Ihre eigene Entmachtung, werter Bürger, war, die unter dieser Kommissionspräsidentin natürlich verlässlich aufs Hässlichste verschleiert ist.

Mit einigen Positionen Orbans (angeblich rechts) mochte man übrigens übereinstimmen, mit anderen nicht. Es spielt gar keine Rolle, denn mit ihm ist vor allem einer der zwei effektivsten Widerständler aus dem EU-Gefüge eliminiert. Gegen den zweiten, den spanischen Ministerpräsidenten Sánchez (angeblich links), wird von der angeblichen Mitte seit langem heftig intrigiert, wobei die von Bezirksvorsteher Manfred Weber gewohnheitsmäßig aufs Hässlichste vertretene EVP - Stichwort „Brandmauer“ - mit rechtsextremen Ultraspaniern, Pardon: Ultraspinnern konspiriert, um den mit fragiler Mehrheit regierenden Sanchez zu stürzen.

Würde nach Orban nun auch Sanchez fallen, dann gäbe es in der EU keinen bedeutenderen Regierungschef mehr, der sich der autoritärbrutalistischen Regierungswut vonderLeyens noch widersetzen würde.
Achten Sie gefälligst auf Brüssel.

IV.
Der Zuschauer glaubt, er würde das Wesentliche beobachten, während er in Wahrheit genau das übersieht, was entscheidend ist. 

Ablenkung ist das zentrale Werkzeug des Zauberers. Je besser er ist - und je dümmer sein Publikum, desto unbemerkter wird die Aufmerksamkeit der Zuschauer gezielt dorthin gelenkt, wo es nichts zu sehen gibt (Glitzer! Ein Knall!), während die Ausführung des eigentlichen Tricks übersehen wird: das Verstecken der Karte im Ärmel, der Münze im Ohr, des Hasen im Arsch...

((Fragment endet hier unvermittelt))

 


 

Methoden der Manipulation: Stapel

Tobias Riegel: Skripal, Giftgas, Hacking, Doping – Strategien der Spannung und das große Schweigen danach

Dieser Artikel erschien am 15. Mai 2018 bei den NDS. Er schildert anschaulich eine recht wirksame Methode der Meinungsmanipulation, der wir immer wieder ausgesetzt sind. Der Artikel aus dem Jahr 2018 ist also auch heute noch aktuell und „denkwürdig“. 

Bei vielen Affären in jüngerer Vergangenheit wurde durch mediale Wiederholung eine nicht von Beweisen gestützte Version der Ereignisse erzeugt. War das gewünschte Bild installiert, wurde die Berichterstattung – ohne neue Entwicklungen zu berücksichtigen – jäh abgebrochen und die erzeugte Botschaft im kollektiven Gedächtnis „geparkt“. Dort können die Kampagnen bei Bedarf jederzeit reaktiviert werden. 

Es ist nur wenige Wochen her, da schien es, als sei international kein Thema bedeutsamer als ein mutmaßlicher Giftanschlag auf den in Großbritannien lebenden russischen Doppelagenten Sergej Skripal. Aufbauend auf der Medienkampagne zum Thema Skripal konnten Wirtschaftssanktionen und militärische Aggressionen gegen den angeblichen Täter Russland gefordert und wochenlang eine weltweite Atmosphäre der Spannung – und der Ablenkung – geschaffen werden.

Und dann? Kaum war die Vorverurteilung Russlands durch die Wiederholung unbelegter Anschuldigungen und die falsche Auslegung von Untersuchungsberichten medial installiert, kehrte ein plötzliches Schweigen ein, das bis heute anhält. Darum erfahren die deutschen Medienkonsumenten nicht, dass etwa die britischen Geheimdienste kürzlich einräumen mussten, dass sie keinen einzigen Verdächtigen im Fall Skripal benennen können. Zwar hatten auch deutsche Medien das Gegenteil verbreitet – aber über das Eingeständnis des britischen Nationalen Sicherheitsberaters Sir Mark Sedwill haben sie dann kein Wort verloren.

Emotionen ersetzen Erkenntnisse – Fakten werden nicht nachgereicht
Ähnlich war es bei den Sniper-Schüssen auf dem Kiewer Maidan-Platz 2014, beim Abschuss der Passagiermaschine MH17 über der Ukraine im selben Jahr und zu weiten Teilen bei den Kampagnen zum russischen Doping und Computer-Hacking: Bei allen diesen Affären wurde zunächst durch massive mediale Wiederholung eine weitgehend nicht von Beweisen, sondern Emotionen gestützte Version der Ereignisse erzeugt. War die gewünschte Botschaft installiert, wurde die Berichterstattung jäh abgebrochen und das erzeugte Bild im kollektiven Gedächtnis „geparkt“.

Wenn es dann doch Erkenntnisse gibt, die Monate später einer Medienkampagne widersprechen, werden diese oft nicht mitgeteilt. Und solche Erkenntnisse – neben dem oben geschilderten Eingeständnis zum Fall Skripal – gab es in jüngerer Vergangenheit einige, ohne dass sie eine angemessene Würdigung in den großen deutschen Medien erfahren hätten: So wurden neue Entwicklungen zum Maidan-Massaker von den Hauptmedien zu weiten Teilen verschwiegen, eine Pressekonferenz Russlands zu den angeblichen Giftgas-Angriffen im syrischen Duma nicht vermeldet, sondern hämisch verzerrt, es wurde die (nicht-russische) Herkunft des „Telekom-Hackers“ weitgehend unterschlagen und ein kürzlich veröffentlichtes Urteil des Internationalen Sportgerichts in Lausanne (CAS), das die Aussagen des russischen Doping-Kronzeugen Grigorij Rodtschenkow stark relativiert, zu weiten Teilen totgeschwiegen.

(...)

Bei Bedarf werden Kampagnen wieder aufgewärmt
Die grüne EU-Abgeordnete Rebecca Harms hat diese Taktik kürzlich in Perfektion genutzt, um für einen Boykott der Fußball-WM in Russland zu trommeln:

„Der Giftgasanschlag in Salisbury ist nur das neueste Kapitel von Wladimir Putins Verhöhnung unserer europäischen Werte: willkürliche Bombenangriffe auf Schulen, Krankenhäuser und Wohngebiete in Syrien; die brutale militärische Invasion der Ukraine; systematische Hackerattacken; Desinformationskampagnen; Wahleinmischung; Versuche, die EU zu schwächen und destabilisieren – all das steht nicht auf der Visitenkarte eines guten WM Gastgebers.“

Keiner der hier gestapelten Vorwürfe kann nach ordentlichen Standards als bewiesen bezeichnet werden. Harms kann aber auf die in den Köpfen der Bürger gespeicherten Reste der einstigen Medienkampagnen zielen.

Die Strategie der intensiven emotionalen Medien-Kampagnen, die in dem Moment abgebrochen werden, in dem Fakten die selbst erzeugte Version bedrohen könnten, erfüllt somit zwei Kriterien: Sie erzeugt eine Schockstarre, während der unpopuläre Entscheidungen oder Enthüllungen kaschiert werden können. Und sie belässt die emotional aufgeladenen und unaufgeklärten Vorgänge im Hintergrund, um sie beizeiten aufzuwärmen. Es gibt jedoch Anzeichen, dass diese Art von Indoktrination ihre Wirkung verliert.

(Hervorhebung bm)

Siehe auch den Artikel vom 04.09.2025:

Tobias Riegel: Der Russe war’s! Wie sich die Sabotage-Vorwürfe stapeln (und nie richtiggestellt werden)
Das „GPS-Gate“ um das Flugzeug Ursula von der Leyens ist in sich zusammengefallen – trotzdem ist die Episode ein gutes Beispiel für die Manipulationsmethode mit den „gestapelten“ Vorwürfen. Diese schnellen Aufzählungen von „russischen Untaten“ sollen in der Summe ein bedrohliches Bild abgeben, auch wenn die einzelnen Elemente überwiegend völlig unbelegte Behauptungen sind. Möglicherweise wird also auch der „GPS-Angriff Russlands“ bald in Talkshows zwischen anderen gestapelten Behauptungen (Desinformation, Spionage, Paketbomben, Wahlmanipulation usw.) als „russische Aggression“ aufgezählt werden.

Überaus lesenswert ist in dem Zusammenhang auch dieser Artikel vom Anti-Spiegel: 

Die Chronologie der Provokationen der Europäer zur Vorbereitung eines Krieges gegen Russland
Nachdem 14 europäische Staaten vor einiger Zeit gedroht haben, Handelsschiffe mit Ziel Russland zu kapern, und die Ukraine Ziele in Russland inzwischen offen über den Luftraum von EU-Staaten angreift, ist ein Blick auf die Chronologie der Ereignisse interessant, mit denen Russland offensichtlich zur Abgabe des ersten Schusses für einen Krieg mit EU-Staaten provoziert werden soll.

Weiter hinten in den Abschnitten: „Die Medienkampagne“ und „Die koordinierte Kriegshysterie der Geheimdienstchefs“ wird die Stapelmethode auch sichtbar. 

 






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